Was ist gutes Leben? (Bericht)

Beitrag vom: 13.12.2016

 

Für viele Menschen in unserer Gesellschaft ist Zufriedenheit so eine Sache, ein unerreichbarer Zustand. Das Glas ist immer halb leer. Immerzu lockt die Versuchung: höher, schneller, weiter, doller und neuer zu sein. Viele von uns sind ständige auf Empfang, privat und im Erwerbsleben. Schon die Jüngsten in unserer Gesellschaft haben oft einen gefüllten Terminkalender, um „gut“ vorbereitet zu sein auf ein gutes und erfolgreiches Leben.

Was ist das überhaupt: Was ist gutes Leben? Gibt es so etwas wie Lebenserfolg und kann der gemessen werden? Was ist uns wertvoll? Wann sinken wir glücklich abends ins Bett? Wie gehen wir mit Brüchen in Biografien um? Und wer bestimmt eigentlich was gut ist?img_20161117_200814

Diese Fragen diskutierten die Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit der Denkfabrik der RWTH und der GRÜNEN Hochschulgruppe im Rahmen des grünen Salons der Heinrich-Böll-Stiftung und den Gästen u.a. Prof. Dr. Hartmut Rosa Zeitsoziologe von der Universität Jena und Dr. Uta von Winterfeld Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, die sich u.a. mit nachhaltigen Arbeits- und Lebensweisen auskennt.

Gutes Leben ist subjektiv

Ein gutes Leben zu führen bedeutet glücklich zu sein. Persönliches Glück, ist etwas subjektives. Was für den Einen Familie und Geborgenheit ist, ist für den Anderen die berufliche Selbstverwirklichung. Was für den Einen die Heimat ist, ist für den Anderen die Ferne.

Es gibt aber auch gewisse Grundgüter um glücklich zu sein: Mehr Geld und Bildung ist besser als weniger. Du musst Freunde haben, egal welche, und gesund sein und möglichst noch gut aussehen. „Wir wollen mehr Weltreichweite,“ ist Harmut Rosa überzeugt. "Mit Bildung, der englischen Sprache, einem Smartphone erschließen wir uns die Welt. In der Stadt haben wir kulturell mehr Möglichkeiten als auf dem Land."

Eine positive Beziehung zur Welt als Basis eines guten Lebens

Nach was suchen wir? „Die reine Suche nach einem gelingenden Leben ist zu kognitivistisch, vergleichbar mit der Suche nach Religion," konstatiert der Soziologe. "Wir wollen vielmehr auf eine bestimmte Weise mit der Welt in eine

emotionale Verbindung, einen energetischen Austausch treten. Wir begegnen etwas, das uns berührt, das uns bewegt, das uns unser Selbst erfahren lässt, das uns Tränen in die Augen bringt. Dadurch entsteht eine sogenannte Resonanz-Beziehung. Liebe, Musik, Arbeit, Sport schaffen solche Erlebnisse. Man hört plötzlich eine Stimme, die etwas zu sagen hat. In den Momenten, in denen ich Resonanz erfahren habe, war meine Beziehung zur Welt richtig."

Ganz anders verhalte es sich bei einem Burnout. "Dann erscheint uns die Welt da draußen starr und stumm, sie spricht uns nicht mehr an. Sie ist dunkel und leer. Sie bedeutet uns nichts mehr. Der Sinn ist verloren gegangen. Ich spüre mich nicht mehr. Da fehlt es an Resonanz - an Verbindung mit der Welt," so der Soziologe.

Zugang zur Welt durch Hören und Antworten

Doch wie schafft man sich solche Resonanz-Erlebnisse? Als mögliche Grundhaltung schlägt der Soziologe „Hören und Antworten in der Lebensbeziehung“ vor. „Junge Menschen fragen sich, wohin die Reise gehen soll? Doch es gibt keine allgemein gültigen Rezepte mehr. Die Menschen müssen selbst schauen, wohin sie ihr Gefühl zieht. Indem wir in uns hinein hören, finden wir Antworten, welcher Job und welcher Mensch der richtige für uns ist. Implizit haben wir alle eine Konzeption, weil wir uns orientieren und uns ständig steigern müssen. Das zwingt uns in eine gewisse Richtung zu gehen. Wir müssen uns auch verletzbar machen, um Resonanz zu erfahren und dürfen keine Angst vor der Angst haben. Die Kontrolle zu verlieren, von etwas gefesselt zu sein und uns überrumpeln zu lassen, das unser Leben in eine neue Richtung lenkt."

Dr. Uta von Winterfeld ergänzt: "Es kommt auf die Einstellung an: Wie gehe ich an meine Aufgaben heran? Indem ich denke ich muss? Oder indem ich denke ich will? Ist das Glas halb leer oder halb voll - wie sehen wir die Welt? Sich an seinen Ressourcen zu orientieren und diese auszubauen - das ist gutes Leben. Versteckte Ressourcen aufwecken und positiv durchs Leben gehen. Eigene Freude im Leben schaffen. Einfach so in der S-Bahn sitzen. Ohne Ziel. Einfach nur um S-Bahn zu fahren. Die Freiheit zu haben, nicht aussteigen zu müssen. Und wenn es mal nicht so gut funktioniert, einfach weitermachen."

Demokratie als Resonanz-Beziehung

Anders sieht es in der Politik aus. Dort hören und antworten Linke und Rechte nicht mehr. Es wird nur noch geschrien und gehasst. "Was motiviert die Wut, Trump zu wählen?", fragt Harmut Rosa. "Das sind die Abgehängten, denen es immer schlechter geht. Aber: Denjenigen, denen es richtig schlecht geht, die wählen in der Regel nicht. Diese Wut wird gespeist aus einem Resonanz-Verlust. Beim Brexit ist eine Euphorie entstanden, eine Art Hoffnung, wir gestalten die Welt, wir können uns England wieder aneignen. Resonanz hat immer etwas mit einer Idee, mit einer Verwandlung zu tun. Dummerweise wählen die Menschen Methoden, die diese Resonanz wieder vernichten."

Doch wie kann die Politik den Resonanz-Verlust wieder ausgleichen? Für den Soziologen ist Demokratie eine Stimme, die uns mit der Welt in Verbindung setzt und uns Dinge verändern lässt. Es dürfe keine fertigen Konzepte geben, sondern man müsse Diskussionsräume schaffen und über gutes Leben verhandeln, ohne, dass ein bestimmtes Ergebnis herauskommen müsse.

Eine politische Möglichkeit als Beihilfe für gutes Leben ist für Hartmut Rosa das bedingungslose Grundeinkommen. Es würde die Angst aus dem Abwärtsspiel mildern. Dessen Botschaft lautet: Egal was du machst, du gehörst zu uns. "Heute haben die Menschen Angst vor Erwerbslosigkeit, weil das ihre Verbindung in der Welt ist. Sind sie arbeitslos bekommen sie zwar noch Almosen von der Gesellschaft, aber die Menschen werden sozial entwertet. Aus Angst vor dieser Abwärtsspirale flüchten sich die Menschen in die Steigerung. Doch gutes Leben kann nur in einer funktionierenden Gesellschaft verwirklicht werden."

Kein gutes Leben: Resonanz-Verlust in der kapitalistischen Steigerungs-Gesellschaft

„Wenn nur noch nach dem Kosten-Nutzen Kalkül gehandelt wird, dann funktioniert Gesellschaft und damit auch gutes Leben nicht,“ kritisiert Dr. Uta von Winterfeld. „Die „Kotzen-Nutzen Analyse“ des homo Ökonomikus der klassischen Ökonomie denkt nur an Profit und nicht an Nachhaltigkeit. Wenn der Profit und der Wohlstand verwirklicht sind, dann kommt danach gutes Leben von selbstverständlich. Doch das ist nicht so.“

Im Zeitalter der Refinanzierbarkeit leben Projekte nur über Anträge. Jährlich müssen neue Gelder akquiriert werden. „Doch Projekte sollten zum Selbstzweck und nicht aus ökonomischen Zwecken durchgeführt werden sollte,“ fordert Uta von Winterfeld. „Um gutes Leben für alle zu ermöglichen muss die Politik der Laune und Willkür der Märkte etwas entgegensetzen. Die Kosten und die Schäden werden auf andere abgewälzt. Die Gesellschaft ist ein Nullsummenspiel. Wenn der eine mehr hat, hat der andere weniger. Wir brauchen einen Übergang von Ökonomie hin zur Nachhaltigkeit. Es darf kein Wert entstehen, weil dadurch etwas anderes wertlos wird."

Und Harmut Rosa fügt hinzu: „Auch die Wissenschaft muss Wissen schaffen, immer neu immer mehr. Mit den Teleskopen wollen wir immer tiefer ins Weltall. Wir leben in einer Welt, die sich nur dynamisch stabilisieren kann. Egal wie schnell SportlerInnen heute rennen, morgen müssen sie noch schneller rennen. An den Schulen und Universitäten gibt es die paradoxe Entwicklung, immer mehr in immer weniger Zeit lernen zu müssen. Die kapitalistische Gesellschaft kann sich nur durch Steigerung reproduzieren. Wir sind eine Wachstumsgesellschaft, in der Geld das Zaubermittel des Verfügbar-machen ist. Je mehr Geld ich habe desto mehr Welt kann ich mir verfügbar machen."

Wenn ich mein Lieblingslied zu oft höre,

steigere ich dadurch nicht meine Resonanz,

sondern ich vernichte sie.

Für den Zeitsoziologen kommt es nicht auf Steigerung an, sondern auf die Art und Weise von Resonanz-Beziehungen. "Resonanz macht uns die Welt nicht verfügbar. Wir müssen uns mehr Freiräume schaffen, um wieder frei denken zu können. Wir wissen, dass wir über den ökologischen Grenzen leben. Das schlechte Gewissen hat uns noch nicht daran gehindert. Was treibt uns da an? Dass wir wieder allen Wissens einfach weiter so machen?"

Wir brauchen einen Paradigmen-Wechsel in unserer Definition eines guten Lebens!

Leben wir in einer Gesellschaft in der die Frage nach dem guten Leben falsch verhandelt wird? Nicht nur kollektiv, sondern auch individuell machen wir vieles falsch. Ein Beispiel: Der Eine fängt einfach an zu malen. Der Andere kauft sich erst ein schönes Papier und gute Stifte, dann ist es Abend und er ist gar nicht zum Arbeiten gekommen.

Ein gutes Leben ist nicht etwas, das man hat,

sondern ein gutes Leben führt man.

„Die Steigerungslogik macht uns das Leben langfristig zu Hölle,“ kritisiert Hartmut Rosa.Unsere Weltbeziehung ist im Eimer. Wir können unsere Welt nicht verbessern mit Steigerung. Die GRÜNEN haben das früher erkannt, heute überlegen sie wie sie nachhaltig steigern können. Auch die grüne Forderung nach Wettbewerb dient der Steigerungslogik und ist für die Resonanz kontraproduktiv. Wettbewerb = Leistung = Arbeit x Zeit. Wir leben nach dem Leitsatz: „Wenn ich mal in der Rente bin, dann fange ich an richtig zu leben."

Wir verfolgen in der Zukunft ein Ziel

und vergessen dabei

im Hier und jetzt zu leben.

Doch nur im Hier und Jetzt können Subjekte ihre Resonanz-Beziehungen für ein gutes Leben leben.


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