Nahrungsmittel und Antibiotika

Beitrag vom: 03.12.2014

 

Pute mit Antibiotikafüllung

NRW's Verbraucherschutzminister Remmel hat am 25.11.2014 eine Studie zum Einsatz von Antibiotika in der Putenmast vorgestellt. Ein Artikel dazu wurde nun auf der Internetseite der Grünen NRW veröffentlicht:

Neun von zehn Puten werden während ihrer Mast mit Antibiotika behandelt – häufig sogar mehrmals. Das ist nicht nur eklig – sondern auch gefährlich für Mensch und Tier.

92,8 Prozent. So hoch ist der Anteil der Puten in NRW, die während ihres Lebens mit Antibiotika behandelt werden. „Ihr Leben“ meint: Rund sechs Monate. Das ist nicht das einzige Ergebnis der Studie, die Verbraucherschutzminister Remmel gestern vorgestellt hat. Denn ein Großteil der Puten wird gleich mehrfach und mit unterschiedlichen Mitteln behandelt – in Extremfällen kommt es zu 21 Antibiotikabehandlungen mit bis zu zehn unterschiedlichen Wirkstoffen.

Resistenzen - eine Gefahr für Menschen

Das Problem: Der massenhafte Einsatz von Antibiotika führt zur Resistenzbildung von Keimen – mit der Gefahr, dass die Medikamente wirkungslos werden. Besonders pikant: Zwei der vier am häufigsten eingesetzten Medikamente sind sogenannte Reserveantibiotika. Sie sind häufig das letzte, lebensrettende Mittel gegen ansonsten resistente Keime, der letzte Schuss im Revolver.

Die Umwidmung von Medikamenten, die nicht für Puten bestimmt sind, ist eigentlich nur in Ausnahmefällen erlaubt. Doch die Studie zeigt, dass dies längst zur Routine geworden ist. Gefragt sind nun nicht nur die Behörden vor Ort, die ihre Kontrollpflichten stärker wahrnehmen müssen.

Notwendige Konsequenzen ziehen

Die Studie zeigt, dass die bisherigen freiwilligen Vereinbarungen der Putenmäster unzureichend sind. Als wichtigsten Schritt brauchen wir jetzt eine drastische Reduzierung der Besatzdichte. Notwendig ist auch, die Betreuungsintensität zu verbessern und eine Mast in kleineren Einheiten, damit eine gezielte Behandlung der kranken Tiere möglich ist.

Auch die Bundesregierung ist in der Pflicht, den massiven Medikamenteneinsatz in der Tierhaltung zu reduzieren. Denn die zuständige Tierschutz-Nutztierverordnung liegt in der Verantwortung des Bundes. Die NRW-Landesregierung will sie deshalb über den Bundesrat dazu drängen, die Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung mit rechtsverbindlichen Regelungen zur Putenhaltung zu ergänzen. Das ist wichtig – damit der letzte Schuss nicht zur Platzpatrone wird.

Hintergründe zur Studie

- Von den betrachteten 516 Durchgängen wurden 479 (92,8 Prozent) antibiotisch behandelt.

- In etwa 86 Prozent der Durchgänge, kam als Mastrasse Big 6 /BUT 6 zum Einsatz. Die Therapiedichte bei der am häufigsten eingesetzte Mastrasse Big 6/BUT 6 war im Vergleich mit den Rassen Converter und Big 9 durchschnittlich um 21 Prozent höher.

- Es wurden insgesamt 22 verschiedene Wirkstoffe eingesetzt: mit Abstand am häufigsten der Wirkstoff Benzylpenicillin, gefolgt von den Wirkstoffen Colistin, Amoxicillin und Enrofloxacin. Unter den vier am häufigsten eingesetzten Wirkstoffen befanden sich mit Colistin und Enrofloxacin zwei Wirkstoffe aus Substanzklassen, die erhebliche Bedeutung für den Menschen haben und als sogenannte „Reserveantibiotika“ bezeichnet werden. Sie sollten eigentlich der Humanmedizin vorbehalten sein.

- Bei etwa einem Drittel der Wirkstoffeinsätze (961 von 2.764) wurde ein nicht in Deutschland für Puten zugelassenes Präparat verwendet. Das ist nach dem Arzneimittelgesetz nur in Einzelfällen bei einem Therapienotstand zulässig.

 

Antibiotikaresistenzen in Fleischprodukten

Eine Studie im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion analysiert Fleisch- und Wurstprodukte und findet in 22 Prozent der Proben resistente Keime.

Mettprodukte sind besonders belastet

In 13 deutschen Städten (darunter Düsseldorf) wurden verschiedene Fleisch- und Wurstprodukte eingekauft und insgesamt 63 Proben in einem zertifizierten Labor auf ESBL (extended spectrum beta-lactamases) analysiert. Das Ergebnis: Von 63 Wurst- und Schinkenproben wurden auf 10 Produkten ESBL-bildende Bakterien nachgewiesen (16 Prozent). Bei den Wurstwaren sind besonders die Mettprodukte (Mettbrötchen, Zwiebelmett) auffällig. Hier wurden in 22 Prozent der Proben ESBL-bildende Bakterien gefunden (8 Proben von insgesamt 36). Beim letzten Test im Dezember 2012 waren es noch 16 Prozent.

Auch Putenprodukte sind besonders auffällig

In 66 Prozent der Putenrohwurstproben wurden ESBL-bildende Bakterien gefunden (6 von 9 Proben). Die Tierhaltung von Puten, welche einseitig auf schnelles Wachstum gezüchtet werden, ermöglicht Tiefstpreise von zum Teilunter 3,50 Euro pro 500g Brustfilet. Mehrfacher Antibiotika-Einsatz über die Trinkwasserzufuhr ist die Regel. Die Kosten für dieses Billigfleisch sind jedoch hoch: für die Tiere, für die Umwelt und für unsere Gesundheit.

Risiken für die Verbraucher

Oliver Krischer, MdB, erläutert: "Über den Konsum von mit ESBL-bildenden Bakterien belasteten Produkten können diese Bakterien auf den Menschen übertragen werden. Im Fall einer Erkrankung ist diese aufgrund der Resistenz gegen verschiedene Antibiotika schlechter zu behandeln. Bakterien, die ESBL bilden, sind unter anderem gegen Penicilline aber auch Cephalosporine der dritten und vierten Generation resistent. Letztere werden als Reserveantibiotika eingesetzt. Schätzungsweise 30.000 Menschen sterben jährlich in der Bundesrepublik, weil sie nicht mehr vollständig auf die Behandlung mit Antibiotika ansprechen.

In Fleisch- und Wurstwaren tauchen die Antibiotika-resistenten Bakterien auf, weil mittlerweile viele Tiere in den großen Mastställen damit infiziert sind. Ursache ist der massive und häufig unsachgemäße Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung, der Resistenzen fördert. Das Bundesamt für Risikoforschung (BfR) sieht im Auftreten von ESBL-bildenden Bakterien in der Nutztierhaltung und in Lebensmitteln ein erhebliches Problem für den gesundheitlichen Verbraucherschutz."

Antibiotika Einsatz muss reduziert werden

Die Forderung Oliver Krischers lautet: "Die Massentierhalten im jetzigen Ausmaß bietet nicht genügend Raum für wirkliche Verbesserungen. Der Antibiotika-Einsatz muss radikal reduziert, die Anwendung von Reserveantibiotika in der Tierhaltung muss unterbunden werden. Deshalb fordert die grüne Bundestagsfraktion eine Reduktion der Tierzahlen, mehr Tierschutz in der Tierhaltung, externe Kosten nicht auf die Allgemeinheit zu verteilen und eine grundsätzliche Reform der Geflügelhaltung."

(Bildquelle: Uschi Dreiucker/pixelio.de)


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