Grüne der ersten Stunde erinnern sich

Beitrag vom: 10.03.2015

 

Aus welchen Quellen stillt die moderne Gesellschaft ihren Energiedurst? Die Energiefrage ist das urgrüne Thema schlechthin. Gemeinsam mit der Anti-Atom-Bewegung kämpften die Grünen vier Jahrzehnte lang für den Ausstieg und für den Umstieg auf erneuerbare Energien. Heute ist ein atomkritisches Bewusstsein in der deutschen Bevölkerung tiefer verankert als in anderen Gesellschaften. Wie wurde das Thema Atomkraft damals von den Grünen in der Region Aachen wahrgenommen und was hat sich im Vergleich zu Früher verändert?

Die Grünen Zeitzeugen Volker Wiegand-Majewsky, seit 29 Jahren Fraktionsgeschäftsführer der Grünen Städteregionstagsfraktion, Christa Heners, Geschäftsführerin des Kreisverbandes, und Horst-Dieter Heidenreich, langjähriges Ratsmitglied in Alsdorf, erzählen von ihren Erfahrungen.

“Atomkraft war die Angst meiner Jugend“

Die Grünen entstanden aus einer Bewegung, die die bislang unkritische Nutzung der Kernenergie massiv in Frage stellte: Die Anti-Atomkraftbewegung. Insbesondere die Reaktorkatastrophen Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 sowie ungeklärte Fragen zur Endlagerung trieben die Menschen auf die Straße, um gegen die Nutzung von Atomkraft zu demonstrieren. Zu Spitzenzeiten beteiligten sich bei Anti-Akw Demonstrationen 100.000 Menschen. Volker Wiegand-Majewsky war Teil dieser Bewegung. Er schildert seine Erfahrungen wie folgt:

„Auf meine erste Demonstration ging ich mit 16. In Kalkar im Niederrhein, etwa 160 Volkerkm von Aachen entfernt, sollte der sogenannte „Schnelle Brüter“ gebaut werden, bei dem neben Strom auch weiteres Spaltmaterial für Atomkraftwerke, darunter hochgiftiges Plutonium, produziert werden sollte. Gemeinsam mit Schulkameraden bin ich von der Schule aus dorthin gefahren. Dort habe ich zum ersten Mal den Polizeistaat kennengelernt. Autos wurden abgefangen, Hundertschaften waren mit Knüppeln unterwegs. Es ging ordentlich zur Sache. Ich war zwar nicht bei den „Steine-schmeißern“, hatte aber trotzdem Angst um meine Gesundheit. Das waren meine ersten Kontakte auf einer Demonstration, zu der ich aus tiefer Betroffenheit gegenüber den existenziellen Risiken der Atomkraft ging. Die Vorstellung, dass unsere Umwelt durch einen Super-Gau über Jahrzehnte unbewohnbar würde, war für mich sehr beängstigend.

1980 bin ich in den Osterferien trotz Abiturstress nach Niedersachsen gefahren, um gegen Gorleben zu demonstrieren. Nach dem Motto „Gorleben ist überall“ haben wir den Protest von Gorleben in die Orte verlagert. Damals haben wir sogar Kirchen besetzt, um gegen Atomenergie aufmerksam zu machen.

Die Anti-AKW-Gruppe hat mir aber nicht gereicht, weil ich für mich entdeckt habe, dass ich gegen Atomkraft eher parlamentarisch vorgehen möchte. Dann bin ich zu den Grünen gegangen. Seit dieser Zeit konnten wir auf Bundesebene zunehmend Erfolge verzeichnen. 1993 wurden erste Gespräche zum Atomausstieg geführt, 2000 dann die Vereinbarung mit der Atomwirtschaft zum Ausstieg geschlossen.

Auch auf kommunaler Ebene haben sich damals erste umweltpolitische Veränderungen eingestellt. Es wurde nicht mehr auf weißem sondern auf grauem Papier gedruckt, keine Fenster mehr aus Tropenholz verwendet, im Verwaltungsgebäude wurden Blockheizkraftwerke gebaut usw. Ende 1980er wurde ich Anteilseigner der ersten Windkraftanlage in Laurensberg.

Meine letzte Demonstration war vor zwei Jahren in Tihange (Belgien), wo wir wieder den Polizeistaat erleben durften. In Belgien ist die Anti-Atombewegung leider (noch) nicht so stark ausgeprägt wie in Deutschland.“

Aus der Initiative „Eltern gegen Strahlenbelastung“ wurde der "Arbeitskreis Energiewende"

Das Reaktorunglück im ukrainischen Tschernobyl und die nach Deutschland kommenden radioaktiven Wolken machten die existenziellen Gefahren der ChristaAtomkraft einer breiten Öffentlichkeit deutlich. Auf einmal mussten die Deutschen lebenspraktische Herausforderungen meistern, die mit dem Unglück einhergingen. Vermeidung von Frischware und Milch, Beseitigung von radioaktivem Hausstaub und verseuchter Sand auf Spielplätzen. Diese Herausforderungen betrafen vor allem Mütter und führten zu Initiativen gegen Atomkraft. Christa Heners erinnert sich:

„Nach Tschernobyl haben wir Eltern aus der Krabbelgruppe eine Arbeitsgruppe „Eltern gegen Strahlenbelastung“ gegründet. Nach Tschernobyl konnten wir unsere Kinder nicht mehr unbeschwert im Sandkasten spielen lassen, wegen dem radioaktiven Regen der von Osten über uns kam. Wir hatten damals Messgeräte mit denen wir den Sand von Sandkästen auf radioaktive Belastung überprüften. Das war schon beängstigend. Mit der Arbeitsgruppe wollten wir Einfluss nehmen und ein energiepolitisches Umdenken in der Bevölkerung herbeiführen. Mit Infotischen auf dem Markt, Veranstaltungen, Ausstellungen und Anträgen an die Lokalpolitik haben wir versucht auf die Gefahren von Atomkraft aufmerksam zu machen und für die Energiewende zu mobilisieren. Beispielsweise wollten wir Stromspitzen vermeiden um Kraftwerkskapazitäten einzusparen. „Waschen Montags nie“ hieß die Kampagne. Der Stromverbrauch war montags mittags am höchsten, weil viele Prozesse in den Haushalten und Betrieben nach dem Wochenende wieder angefahren wurde. Da hat sich einiges verändert zu der Situation heute. Heute soll man gerade mittags die Wäsche waschen oder die Spülmaschine laufen lassen, weil die Solaranlagen bei der Mittagssonne am meisten Strom produzieren.

Nachdem sich die größte Aufregung um den GAU uin Tschernobyl wieder gelegt hatte, haben wir den Schwerpunkt unserer Arbeitsgruppe darauf gelegt, aktiv die Energiewende voranzutreiben. Langsam wandelte sich dann das Bewusstsein. Atomenergie, aber auch Kohlekraft, wurde zunehmend ersetzt durch regenerative Energieformen. Wir waren damals Pioniere. 1992 waren wir mit dabei, als die erste Windkraftanlage in der Region gebaut wurde, die mit 50 KW Leistung viel kleiner war als heute mit 100facher Leistung. Anfang der 90er Jahren wurde auch die deutsch-belgische Genossenschaft „Energie 2030“ gegründet, die ausschließlich Ökostrom produziert. Wir haben damals die erste Windkraftanlage im belgischen Binnenland errichtet. Nach der Fukushima-Katastrophe 2011 haben wir auch in Monschau, Roetgen und Simmerath Montagsdemonstrationen organisiert. Da haben wir viele Mitstreiter von damals wiedergesehen."Atomkraft - Nicht schon wieder", so wurde der alte Slogan abgewandelt.

Seit Beginn der Bewegung haben wir zwar viel erreicht. Aber dass der Atomausstieg so langwierig ist und der Ausbau der erneuerbaren Energien so schleppend vorangeht, hatte ich damals nicht erwartet.“

"Die Technikgläubigkeit der 1970er Jahre war groß"

Im Zuge der Modernisierung lechzte die Industriegesellschaft nach Energie und wirtschaftlichem Wachstum. Im Gründungsjahr der Grünen 1980 ist Atomkraft eine immer bedeutsamer werdende Säule der Energieversorgung in Deutschland, die von den anderen Parteien mehr oder minder unkritisch unterstützt und weiter ausgebaut wird. Horst-Dieter Heidenreich ist seit der Gründung der Grünen dabei. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit gibt er wie folgt wieder:Matthias Duschner

„In den 1970er Jahren fanden die großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, auch mit dem Staat und seinen Organen, statt. Ich war zwar nicht an vorderster Front unterwegs, habe aber mit Gleichgesinnten die Interessen der Anti-Atombewegung in meinem Umfeld vertreten, beispielsweise durch Infostände, auch zu anderen umweltpolitischen Themen.

Die damalige Zeit war geprägt von einer großen Technikgläubigkeit. Die Ablehnung der Atomkraft war kein gesellschaftlicher Konsens. Die SPD/FDP-Regierung unter Helmut Schmidt (1974-1982) hatte die Atomkraft sehr stark befördert. Ende der 1970er Jahre fanden dann die großen Auseinandersetzungen statt. In weiten Teilen der gesellschaftlichen Wahrnehmung war der Streit um die Nutzung der Atomkraft in erster Linie eine Auseinandersetzung zwischen vermeintlichen „Chaoten“ und der Staatsmacht, befördert nicht zuletzt durch die Medien, die seinerzeit anstelle einer kritischen Auseinandersetzung mit der Atomkraft in erster Linie die „bürgerkriegsähnlichen Szenen“ in Brokdorf und anderswo in den Vordergrund ihrer Berichte stellten. Dennoch entstanden in dieser Zeit auch erstmals Grüne Listen. 1979 sind die Grünen zum ersten Mal zur Europawahl angetreten, als so genannte „sonstige politische Vereinigung“. Nach der Parteigründung 1980 habe ich mich direkt den Grünen angeschlossen. 1983 sind die Grünen dann in den Bundestag eingezogen und wir in Alsdorf 1984 in den Stadtrat. Grün zu wählen war damals eine Protesthaltung zur etablierten Politik. Der Protest wurde zum Machtfaktor, spätestens dann, als die Grünen 1998 in die Bundesregierung gegangen sind.

Seit Mitte/Ende der 70er Jahre hatte ich angefangen, mich mit alternativen Energieformen zu beschäftigen, 1979 etwa beeindruckten mich bei einer Reise nach Dänemark die vielen Windkraftanlagen, die an der Küste stehen. Mir wurde dabei deutlich: Die Windkraft könnte künftig eine wichtige Alternative auf dem Weg dahin sein, die Atomkraft zu ersetzen. Die Vorstellung mit Wind, Sonne und Wasser die von uns benötigte Energie gewinnen zu können, fand ich faszinierend. Auch in Alsdorf haben wir uns schon seit 1984 im Stadtrat für eine öffentliche Förderung und den Ausbau der Erneuerbaren eingesetzt. Aber es könnte noch mehr geschehen.

Heute unter der SPD-Mehrheit in Alsdorf wird der Ausbau leider nur halbherzig betrieben. Hier und da wurden zwar ein paar Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden errichtet. Auch die neu geschaffene, von Stadt, Land, Bezirksregierung und Städteregion unterstützte außerschulische Bildungseinrichtung ENERGETICON nutzt und wirbt für regenerative Energien. Aber z.B. bei der wichtigen Sanierung des Rathauses vor zwei Jahren hat sich die Ratsmehrheit anstatt auf regenerative Energien wie z.B. Holzhackschnitzel oder Pellets zu setzen, für eine herkömmliche Gastherme entschieden. Deshalb müssen wir noch viel tun, auch im Hinblick auf örtliche Widerstände gegen Windkraftanlagen wie derzeit im Münsterwald oder in Stolberg. Diese zeigen, dass wir auch weiterhin für den Ausbau und die Vorteile von Erneuerbaren Energien werben müssen, um die notwendige Energiewende zu vollenden.“

 

 

 

 

 

 


Zurück zu Themen